Kirche im Kino

Rollenwechsel

Der Stern von Indien

Nach einem Jahrhundert unter der Kolonialherrschaft Großbritanniens konnte sich Indien, das ehemalige “Kronjuwel des britschen Empires”, im Jahr 1947 endlich als selbstständiger Staat etablieren. Doch die Gründung führte zu einem tumultartigen Chaos, das die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus im Land zuspitzte.

Als letzter britischer Vizekönig wurde deshalb Lord Mountbatten – ein Onkel von Prinz Philip –  in das Land geschickt, mit dem Auftrag des britischen Königs, einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern und vor Ort sicherzustellen, dass das seit 300 Jahren von der Krone besetzte Land möglichst reibungslos und schnell in die Unabhängigkeit entlassen wird. Als er in seinem imposant-monumentalen Herrscherpalast in Neu-Delhi eintrifft, wird ihm schnell klar, dass es sich hier nicht um einen reinen Verwaltungsakt handelt.

Der Plan, Indien Stück für Stück in die Unabhängigkeit zu geleiten, scheiterte an den brutalen ethnisch-religiösen Konflikten im Land. Während Mountbatten mit der politischen Elite über die Zukunft eines unabhängigen Indiens und über die Teilung des Landes in einen hinduistischen und einen muslimischen Teil verhandelt, kommt es zwischen den Hindus und den Moslems im Land und im Palast immer öfter zu Konflikten: Der als Held verehrte Gandhi (Neeraj Kabi) und der Indische Nationalkongress unter Nehru (Tanveer Ghani) wollen einen Einheitsstaat, Muhammad Ali Jinnah (Denzil Smith), der die muslimische Minderheit repräsentiert, will einen neuen islamischen Staat Pakistan.

Innerhalb von wenigen Wochen wurde 1947 eine neue Grenze zwischen den mehrheitlich von Hindus bevölkerten Landesteilen im Süden und den hauptsächlich muslimischen Regionen im Norden gezogen, während sich die jeweiligen Minderheiten unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen zur Umsiedlung gezwungen sahen – mit 14 Millionen Flüchtlingen eine der größten Migrationsbewegungen der Geschichte. Bis zu eine Million Menschen haben diese Umwälzungen nicht überlebt, darunter auch mehrere Angehörige von Chadhas Familie. (Diese Zahlen lassen unsere heutige Flüchtlingskrise klein erscheinen.)

Nicht die ethnischen Konflikte an sich, sondern strategische Interessen Großbritanniens macht Regisseurin Gurinder Chadha (eine Britin, die einer panjabischen indischen Familie entstammt) dabei hauptverantwortlich für die Teilung. „In der Schule wurde mir immer beigebracht, dass Inder und Pakistanis quasi selbst Schuld an der Situation waren“, sagt Chadha. Doch vielmehr war es Churchill, der schon während dem Zweiten Weltkrieg einen Plan für zwei Staaten entwarf.

Das herzzerreißende Chaos des Umbruchs bringt die Regisseurin Chadha in einigen packenden Szenen auf die Leinwand. Die notdürftige und willkürliche Verwaltung des Elends erinnert dabei an die aktuellen Berichte aus Flüchtlingslagern. Auch das kühle strategische Kalkül der britischen Regierung unter Winston Churchill („Sie opfern Menschenleben für Öl?“) erinnert unangenehm an die interessenpolitischen Machtspiele der Gegenwart.

Die Filmemacher stellen diese Parallelen sehr deutlich heraus, wenn sie uns im tragischen letzten Drittel sehr effektvoll und pointiert die fatalen Folgen und Nebenwirkungen des Unabhängigkeitsprozesses nahe bringen.

Unterdessen geraten zwei heimlich verliebte Bedienstete im Palast des Vizekönigs, der Hindu Jeet (Manish Dayal) und die Muslima Aalia (Huma Qureshi), zwischen die Fronten der immer offener zutage tretenden Feindseligkeiten. Es ist eine verbotene Liebe, denn eine Verbindung zwischen Angehörigen der verfeindeten Religionen kommt nicht in Frage.

Und da es sich gerade bei diesem Pärchen um jenes handelt, zu dem die Regisseurin auch im wahren Leben einen persönlichen Bezug besitzt, wirkt an der Schilderung nichts überdramatisiert oder theatralisch, sondern leider alles erschreckend echt.

Der Titel “Stern von Indien” (engl.: “Order of the Star of India”) bezieht sich auf einen britischen Ritterorden, der im Jahr 1861 von Queen Victoria gegründet wurde, um hochrangige Beamte der britischen Kolonie auszuzeichnen. Nach 1947 wurde kein neuer Stern von Indien mehr verliehen. Königin Elisabeth II. ist heute das letzte noch lebende Mitglied des Ritterordens.

Clemens Mirwald / pixelio.de

Thalia Lichtspiele Bous

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Rückschau

Am Montag, dem 05. Oktober 2015 jährte sich zum zehnten Mal der Start des Projektes Rollenwechsel. Ich bin allen dankbar, die zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen haben, denn einer allein hätte das nicht schaffen können. Über den Jubiläumsabend hat der „Paulinus“ einen schönen Bericht gebracht, den ich diesem Brief beifüge. Danke an den Autor, Herrn Wilhelm.

Schöne Grüße aus Bous Paul Endres